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Kunst­wer­ke zum Wohnen

Der Todes­tag des berühm­ten Malers und Bild­hau­ers Max Ernst jähr­te sich 2016 zum vier­zigs­ten Mal. Was die wenigs­ten Besu­cher der zahl­rei­chen Ernst-Aus­stel­lun­gen wis­sen: Bei eini­gen der auf­wen­di­gen Expo­na­te han­delt es sich nicht um Auf­trags­ar­bei­ten des Künst­lers, son­dern um Bau­ele­men­te sei­nes Hau­ses in der süd­fran­zö­si­schen Ardè­che, das er Ende der 1930er-Jah­re bewohnt hat.

Von Anja Gröner

 

Vögel, Sire­nen und Mino­tau­ren bevöl­ker­ten Haus und Gar­ten, waren in das Mau­er­werk ein­ge­ar­bei­tet oder auf die Türen gemalt. Vie­le der Kunst­wer­ke wur­den spä­ter her­aus­ge­löst und gelang­ten über Umwe­ge in Gale­rien und Muse­en — ein­zig das gro­ße Reli­ef auf der Außen­mau­er des Hau­ses ist heu­te noch zu sehen.

 

Aus ein­tö­nig wird bunt 

 

Zwar muss es nicht für alle daheim so exo­tisch zuge­hen wie bei Max Ernst — den­noch kön­nen Kunst­wer­ke in der Bau­sub­stanz eines Wohn­hau­ses mehr bewir­ken als nur eine opti­sche Abwechs­lung. Vor allem gemischt genutz­te Gebäu­de­tei­le sind all­zu oft rein funk­tio­nal ange­legt: Ein­tö­ni­ge Haus­flu­re und Trep­pen­häu­ser wer­den mit einem robus­ten Boden­be­lag und einer Wand­far­be ver­se­hen, die nicht nach geschmack­li­chen Kri­te­ri­en aus­ge­sucht, son­dern aus prak­ti­schen Grün­den gewählt wur­de. Dabei kann eine anspruchs­vol­le Wand­ma­le­rei oder eine Licht­in­stal­la­ti­on Wun­der bewir­ken, wenn sie sym­bo­lisch die Raum­funk­ti­on auf­greift — bei­spiels­wei­se eine nach oben wuchern­de Ran­ke oder ein Baum für den Treppenaufgang.

 

Kunst sorgt für Wiedererkennungswert

 

An der Außen­fas­sa­de kann eine geschickt umge­setz­te künst­le­ri­sche Idee für Akzen­te im Stadt­bild sor­gen. Dabei ist weni­ger oft mehr: Im Gegen­satz zu einem bil­lig auf­ge­tra­ge­nen, meter­ho­hen Graf­fi­ti­bild kann eine ori­gi­nel­le Skulp­tur oder eine kunst­vol­le Ätzung in den Glas­ele­men­ten erfri­schend wir­ken. Das stei­gert nicht nur den Wie­der­erken­nungs­wert des Objekts, son­dern es sorgt dafür, dass sich Anwoh­ner — und sol­che, die es wer­den wol­len — mit dem Gebäu­de iden­ti­fi­zie­ren. Die Künst­le­rin Julia Borne­feld hat bei­spiels­wei­se die Leip­zi­ger Wohn­an­la­ge „Inter­druck-Palais“ auf dem Gelän­de des ehe­ma­li­gen VEB Inter­druck mit groß­for­ma­ti­ven Mosai­ken gestal­tet. Durch Motiv­schrif­ten griff sie dabei die His­to­rie des Gebäu­des auf, das einst­mals als Dru­cke­rei dien­te. Vor den Woh­nun­gen des „Car­ré Char­lot­te“ in Ber­lin-Char­lot­ten­burg steht als iden­ti­täts­stif­ten­des Merk­mal eine Schat­ten­skulp­tur des Künst­lers Ste­fan Szc­zes­ny. Der Maler und Bild­hau­er hat außer­dem die Fas­sa­de mit­ge­stal­tet und Licht­ob­jek­te und Wand­re­li­efs für die Wohn­an­la­ge entworfen.

 

Gebäu­de die zum Leben erweckt wurden

 

Es müs­sen aber nicht immer nur künst­le­ri­sche Ele­men­te in ein archi­tek­to­ni­sches Kon­zept inte­griert wer­den. Manch­mal wird das Gebäu­de selbst zum Kunst­werk. Inno­va­ti­ve Hoch­haus­pro­jek­te stel­len dies ein­drucks­voll zur Schau — sei­en es die ange­win­kel­ten Tan­go-Tür­me in Ham­burg oder das „Vier­zy­lin­der“ ‑Ver­wal­tungs­ge­bäu­de von BMW in Mün­chen, das bereits in den 1970er-Jah­ren errich­tet wur­de. Auch für rei­ne Wohn­ge­bäu­de bie­ten sich ent­spre­chen­de Kon­zep­te an.

 

Durch geschick­te Fas­sa­den­öff­nun­gen und eine ästhe­ti­sche For­men­kom­bi­na­ti­on lässt sich bereits eini­ges errei­chen. Doch es gibt noch aus­ge­fal­le­ne­re Mög­lich­kei­ten: In Madrid wur­de an der Fas­sa­de eines Wohn­hau­ses bei­spiels­wei­se ein ver­ti­ka­ler Gar­ten mit den ver­schie­dens­ten Pflan­zen ange­legt. Im Mit­tel­punkt steht der Gedan­ke, Bekann­tes und Außer­ge­wöhn­li­ches mit­ein­an­der zu ver­mi­schen, oder in dem Betrach­ter Ein­drü­cke und Gefüh­le zu erwe­cken, die er aus einem ande­ren Kon­text kennt.

Das kann zum Bei­spiel erreicht wer­den, indem die Pla­ner einen Wohn­kom­plex so ent­wer­fen, dass die archi­tek­to­ni­sche For­men­spra­che an eine Tri­bü­ne im Fuß­ball­sta­di­on oder an einer Renn­stre­cke erin­nert. Denn dann beschwört sie gleich­zei­tig die Emo­tio­na­li­tät die­ser Orte herauf.

 

 

Bau­kunst muss eine Geschich­te erzählen

 

Egal ob durch die Archi­tek­tur selbst oder mit­tels inte­grier­ter Ele­men­te: Bau­kunst muss eine Geschich­te erzäh­len und den Betrach­ter inspi­rie­ren kön­nen. Auch wenn es sich nicht um einen Kunst­ken­ner han­delt. Über­has­te­te Schnell­schüs­se und lieb­lo­se Bil­der, die als PR-Maß­nah­me vom güns­tigs­ten Anbie­ter ohne künst­le­ri­schen Mehr­wert auf die Fas­sa­de auf­ge­pfropft wer­den, hal­ten den prü­fen­den Bli­cken nicht lan­ge stand. Ein Pro­jekt­ent­wick­ler soll­te des­halb mit erfah­re­nen Malern, Bild­hau­ern und Archi­tek­ten zusam­men­ar­bei­ten, die kei­ne Scheu davor haben, sich abseits der aus­ge­tre­te­nen Pfa­de zu bewe­gen – und so dem Pro­jekt ihren künst­le­ri­schen Stem­pel aufdrücken.